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IHK-Sozialtransferpreis: 20 000 Euro für drei beispielhafte Projekte Montag, 01 Juni 2015 00:00 Foto: Frank Bierstedt

IHK-Sozialtransferpreis: 20 000 Euro für drei beispielhafte Projekte

»Was soll ich mir denn zum Geburtstag wünschen? Ich habe doch schon alles«: Für diese Situation gibt es seit letztem Jahr den »Soziale-Wärme-Koffer«. Der Feiernde erhält beim Institut für Persönliche Hilfen (IPH) eine Kiste mit Infoflyern und Spendenaufrufen, die er seiner Einladung beilegen kann. Bei der Feier dient die Kiste dann als Spendenbox. Die Geldgeschenke ermöglichen Klienten des IPH die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Für dieses Projekt wurden die Typografix-Design GmbH und das IPH am 8. Mai mit dem Hauptpreis des IHK-Sozialtransferpreises ausgezeichnet. Prämiert wurde im Kongressaal der IHK auch das Projekt »Seitentausch«, das die Inklusion in der Berufsausbildung fördert. Mit einem weiteren Preis wurden die »Braunschweiger Familienpaten« gewürdigt – die Unterstützung von Familien in schwierigen Lebens­situationen.

Viele Unternehmen unserer Region arbeiten mit sozialen Einrichtungen zusammen. Zum sechsten Mal zeichnete die IHK nun solch vorbildliches Engagement aus. Das Preisgeld in Höhe von 20 000 Euro stellten elf Sponsoren bereit. Die Summe fließt direkt in die prämierten Projekte. »Eine Menge Unternehmen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung und sprechen kaum darüber. Dieses Engagement rückt die Preisverleihung in den Blick – auch, um andere zu inspirieren. Wir wünschen uns, dass Unternehmer nach links und rechts schauen. 116 000 Euro Preisgeld wurden bereits an soziale Einrichtungen vergeben. Die Betriebe, die mitgestalten und unterstützen, erhalten eine Urkunde und einen gläsernen Award«, berichtete Harald Tenzer, der Vorsitzende der neunköpfigen Jury. In diesem Jahr wurden sieben Bewerbungen eingereicht – »sehr anspruchsvolle Projekte«. Ausgezeichnet wurden zwei Projekte in Braunschweig und eines in Salzgitter.

»Der Soziale-Wärme-­Koffer«

Den Hauptpreis nahmen Birgit Klauder, stellvertretende Geschäftsführerin des IPH, und Angelika Stößel, Prokuristin von -Typografix-Design, entgegen. »Ein Schwerpunkt unserer Agenturtätigkeit ist die Zusammen-arbeit mit Kunden aus dem sozialen Bereich. Wir erfahren vieles, das im Hintergrund passiert. Ich war zum Beispiel mit Klienten des IPH auf einer Reise. Diese Begegnungen legten den Grundstein für die -Soziale-Wärme-Koffer«, berichtete Angelika Stößel. Das Institut für Persönliche Hilfen unterstützt Volljährige, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung nicht selbst rechtsgeschäftlich handeln können. »Wir geben Halt und bieten Unterstützung für mehr Lebensqualität«, so Angelika Stößel. Zwischen dem Betreuungsverein und Typografix besteht seit mehr als 15 Jahren eine enge Kooperation auf geschäftlicher und persönlicher Ebene. Die durch den »Soziale-Wärme-Koffer« gesammelten Spenden ermöglichen nun den Klienten die Teilhabe an kulturellen und sportlichen Angeboten. »Wir haben zum Beispiel Gutscheine fürs Schwimmen und Reiten, einen Schutz-anzug für den Kampfsport, eine Mitgliedschaft im Tierheim und einen Busausflug finanziert – für Kinder, deren Familien sich das nicht leisten können«, erläuterte Birgit Klauder. Der Spender erhält eine Dankesurkunde. Im Koffer liegt zudem eine Wärmeflasche als Dankeschön. Das Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro überreichte IHK-Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid.

»›Seitentausch‹ von MAN und Lebenshilfe«

Mit einem Preisgeld in Höhe von 5000 Euro wurde anschließend das Projekt »Seiten-tausch« gewürdigt, eine Kooperation der MAN Bus & Truck AG aus Salzgitter mit der Lebenshilfe gGmbH aus Braunschweig. »Einmal im Jahr arbeiten Auszubildende der Lebenshilfe rund sechs Wochen lang bei uns im Werk. Im Gegenzug absolvieren Auszubildende von MAN einen Teil ihrer Ausbildung bei der Lebenshilfe«, erläuterte Stefan Meusert, Werkleiter der MAN Bus & Truck AG. »Zunächst sind unsere Auszubildenden sehr verhalten herangegangen. Heute gibt es deutlich mehr Interessenten als Plätze. Die Azubis sind begeistert von der Menschlichkeit und Wärme der Einrichtung. Daraus sind auch WhatsApp-Freundschaften entstanden. Alle reden von Inklusion. Wir leben sie«, berichtete Ausbildungsmeister Burkhard Dube. Die Arbeit sei immer sinnstiftend. So wurden zum Beispiel Kommissionierwagen gebaut, die nun in der Produktion eingesetzt werden. »Unsere Auszubildenden merken, dass man mit Menschen mit Beeinträchtigung ganz normal umgehen kann. Sie bauen mögliche Vorurteile ab, schulen ihre Präsentations- und Kommunikationsfähigkeiten und sind oft beeindruckt von der Fingerfertigkeit.« Bei den Auszubildenden der Lebenshilfe steigert der Seiten-tausch das Selbstbewusstsein. »Sie bauen auch Ängste vor dem allgemeinen Arbeitsmarkt ab«, so Detlef Springmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe Braunschweig. »Beide Seiten profitieren.«

»Wir leben Inklusion«

Als drittes Projekt wurden die »Braunschweiger Familienpaten« ausgezeichnet. Sie unterstützen Familien oder Alleinerziehende, die mit ihrer momentanen Lebenssituation überlastet sind. Die Kooperation der PSD Bank Braunschweig eG und des Deutschen Kinderschutzbundes Ortsverband Braunschweig bietet unbürokratische Hilfe. Die Paten beraten zum Beispiel bei lebenspraktischen Fragen, geben Hilfestellung bei der Versorgung und Erziehung und unterstützen im Umgang mit Behörden, Ämtern oder sozialen Diensten.

»Familienpaten leisten wichtige Hilfe«

»Nicht alle Eltern verfügen über ein funktionierendes soziales Netzwerk. Die Paten leisten in belastenden Situationen wichtige Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist urgenossenschaftliches Prinzip«, so Carsten Graf, Vorstandssprecher der PSD Bank Braunschweig. Der mit 5000 Euro dotierte Spendenscheck wurde an Projektkoordinatorin Astrid Keller überreicht. Sie berichtete: »Die ehrenamtlichen Familien-paten sind gestandene Persönlich-keiten – familien- und lebenserfahren. Einerseits stärken sie die Beziehungs- und Erziehungskompetenz der Eltern. Andererseits tragen sie zum gesunden Aufwachsen der Kinder bei und sichern deren Rechte auf Schutz, Förderung und Teilhabe.

Derzeit gibt es 20 Paten im Alter von 27 bis 70 Jahren. Eine betreute Familie wird in der Regel über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren einmal pro Woche besucht. Die Paten stellen sich an die Seite der Eltern und werfen einen liebevollen, interessierten Blick auf die Kinder. Sie unterliegen der Schweigepflicht und werden fachlich begleitet.« Rund 140 Patenschaften mit 280 Kindern wurden in den vergangenen zehn Jahren vermittelt.

Die Festrede hielt Verena Bentele. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung betonte, der Sozialtransferpreis stärke auch das Empowerment – »dass Menschen mit Behinderungen ihre Fähigkeiten ausbilden können, ihre Stärken entdecken und entwickeln und so in den Unternehmen ihren Platz finden«. Menschen mit Behinderung dabei zu unterstützen, ihre Teilhabe einzufordern, das sei eines der wichtigsten Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention.

»Wenn Menschen mit Behinderungen in einem Unternehmen mitarbeiten können, ist das für beide Seiten ein großer Gewinn. Der Sozialtransferpreis trägt dazu bei, Barrieren in den Köpfen abzubauen. Alle Preisträger sind auf andere zugegangen und haben Abstände verringert.« Als eine wichtige Aufgabe nannte Verena Bentele auch, Produkte zu konzipieren, die für jedermann bedienbar sind: »Die Barrierefreiheit muss bei der Entwicklung mitgedacht werden. Für mich ist es zum Beispiel heute schon schwer, einen Herd zu finden, der keinen Touchscreen hat«, so die Politikerin, die von Geburt an blind ist und dennoch eine erfolgreiche Biathletin und Skilangläuferin war und ein Magisterstudium mit dem Hauptfach Neue Deutsche Literaturwissenschaft mit der Note »sehr gut« abgeschlossen hat.

»Bentele: Barrieren in den Köpfen abbauen«

Musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung durch »The Mix«. Die inklusive Rockband der Evangelischen Stiftung Neuerkerode hat sich zum Jahresende 2014 einen großen Traum erfüllt: eine zweiwöchige Nordamerika-Tournee. Auf der Bühne stellten die Musiker unter anderem einen Song über die Tour-Erlebnisse vor. IHK-Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid bedankte sich neben allen Projektbeteiligten auch bei der Jury und den Unternehmern, die mit ihren großzügigen Spenden die Verleihung des Sozialtransferpreises überhaupt erst möglich gemacht haben.



Bild oben: Auszeichnung vorbildlicher sozialer Projekte in der IHK (von links): Birgit Klauder (Institut für Persönliche Hilfen), Jury-Vorsitzender Harald Tenzer, IHK-Präsident Dr. Wolf-­Michael Schmid, Astrid Keller (Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Braunschweig), Angelika Stößel (typografix-Design GmbH), Carsten Graf (Vorstandssprecher PSD Bank Braunschweig), Stefan Meusert (Werkleiter Bus & Truck AG, Salzgitter), Verena Bentele (Behindertenbeauftragte der Bundes­regierung) und Detlef Springmann (Geschäftsführer Lebenshilfe Braunschweig)

geschrieben von  wo